Moin Leute, ich war baden in Travemünde – und habe fast die Hälfte meines alten Ichs am Strand gelassen

Moin Leute.

Ich stehe an der Strandpromenade in Travemünde. Die Möwen machen ihren üblichen Lärm. Der Wind riecht nach Salz, Fischbrötchen und Sonnencreme mit einem Hauch von „warum hast du dir keine Jacke mitgenommen?“. Vor mir liegt die Ostsee. Graugrün, unruhig, irgendwie frech. Und ich denke: „Ja, Moment. Du willst da jetzt rein? Mit Badehose? Vor allen Leuten?“

Ich bin 57. Ich habe in den letzten Monaten knapp 40 Kilo abgenommen. Nicht mit einer Wunderpille, nicht mit einem Trend-Diät-Plan aus dem Internet, sondern mit der langweiligsten Methode der Welt: weniger essen, mehr bewegen, viel Geduld und gelegentliches Fluchen. Und jetzt stehe ich hier, in Travemünde, am Strand, und soll zum ersten Mal seit – ich weiß nicht mehr wie vielen Jahren – wieder richtig ins Meer gehen.

Nicht planschen. Nicht bis zu den Knien waten und dann sagen „ach, doch zu kalt“. Nein. Schwimmen. Kopf unter Wasser. Vielleicht sogar ein paar Züge Kraul, wenn meine Schultern mitspielen und mein Ego nicht vorher kapituliert.

Und falls ihr euch fragt: Ja, das ist ein Riesending für mich. So ein Ding, das andere vielleicht als selbstverständlich erleben. Für mich ist es ein kleiner Akt der Befreiung. Mit Bauchkribbeln, Innenmonologen und der ständigen Gefahr, dass mein alter innerer Kritiker wieder loslegt.

Aber ich will nicht vorweg greifen. Erzähle ich euch von vorne.

Warum Travemünde? Und warum ausgerechnet jetzt?

Travemünde ist für mich so eine Mischung aus Erinnerung und Realität. Als Kind war ich hier öfter mit meinen Eltern. Damals gab es noch diese klassischen Strandkörbe, Fischbrötchen mit zu viel Remoulade und diesen Geruch nach Seegras, den man irgendwie nie richtig beschreiben kann. Später bin ich hier ab und an mit Freunden gewesen. Grillen, Bier, „wir gehen bestimmt noch baden“ – und dann hat es doch keiner geschafft, weil alle zu viel gegessen hatten oder das Wasser „eh zu kalt“ war.

Irgendwann habe ich aufgehört, überhaupt noch baden zu gehen. Nicht, weil mir das Wasser nicht gefallen hat. Sondern weil ich mich nicht mehr sehen wollte. In der Badehose. Am Strand. Unter Menschen.

Das klingt jetzt vielleicht dramatisch. Ist es aber nicht. Es ist einfach nur ehrlich. Wenn man Jahrzehnte lang mit deutlich zu viel Gewicht herumläuft, dann entwickelt man irgendwann eine Art Schutzpanzer. Nicht nur physisch. Vor allem mental. Man sucht Situationen, in denen man nicht so sehr im Fokus steht. Man vermeidet Dinge, bei denen der Körper im Mittelpunkt ist. Und baden gehört definitiv dazu.

Strand bedeutet: Haut zeigen. Badehose. Bauch. Oberarme. Oberschenkel. Und dieser komische Moment, in dem man durch die Menge läuft, während die Sonne einem gnadenlos ins Gesicht knallt. Für jemanden, der mit seinem Körper hadert, ist das kein Urlaub. Das ist eine Art öffentliche Prüfung, die man freiwillig nicht antreten will.

Und jetzt?

Jetzt bin ich hier. Weil ich es kann. Weil ich es möchte. Weil ich diesen inneren Kritiker endlich mal aussperren will und ihm sage: „Danke für die Dienste, aber heute gehst du nicht mit rein. Heute gehöre ich mir.“

Die Fahrt hin: Zwischen Vorfreude und Panik

Ich bin mit dem Auto nach Travemünde gefahren. Von Kaltenkirchen aus ist das machbar, wenn man halbwegs zu Stoßzeiten fährt. Autobahn, dann irgendwann diese Sehnsucht nach Wasser, die einen langsam überkommt. Ich hatte meine Badehose, ein Handtuch, Sonnencreme und – ganz wichtig – eine Flasche Wasser im Kofferraum.

Während der Fahrt habe ich mit mir selbst geredet. Nicht laut. Aber mein innerer Dialog war in Hochform.

„Was, wenn das Wasser eiskalt ist?“
Dann gehst du trotzdem rein, du Wattenluder.
„Was, wenn meine Badehose rutscht?“
Dann ziehst du sie hoch. Du bist nicht mehr fünf.
„Was, wenn jemand guckt?“
Dann guckt er. Du bist im Urlaubsort, nicht in der Umkleidekabine.

Ihr merkt schon: Mein Kopf war ein Festival der Ausreden. Aber zum Glück hatte ich in den letzten Monaten gelernt, dass diese Stimme zwar laut, aber eben nicht der Chef ist. Sie ist so ein alter Angestellter, der sich wichtig macht, aber am Ende doch nur meckert.

Ich parkte das Auto. Zahnte meinen Parkschein. Und dann ging ich Richtung Strand. Schritt für Schritt. Wie ein Kommandant, der sein eigenes Schlachtfeld betritt. Nur dass das Schlachtfeld aus Sand, Strandkörben und schreienden Kindern bestand.

Der Strand: Ein Soziologiestudium mit Salzwasser

Moin Leute, ich sage euch eins: Ein Strand ist ein hervorragender Ort, um sich über die Menschheit Gedanken zu machen. Es gibt da so viele Typen, dass man fast wieder vergisst, selbst einer zu sein.

Da ist der „alles dabei“-Familienvater, der drei Kinder, einen Strandkorb, zwei Kühltaschen und den Gesichtsausdruck eines Mannes transportiert, der gerade erkannt hat, dass er vergessen hat, die Sonnencreme einzupacken. Seine Frau trägt einen Sonnenhut, der aussieht wie ein Satellitenschüssel, und wirft ihm von weitem schon mahnende Blicke zu.

Dann gibt es die Strand-Yogis. Zwei Frauen, vielleicht Anfang dreißig, die auf Handtüchern liegen, Augen geschlossen, scheinbar in tiefer Meditation. Wahrscheinlich denken sie an ihre nächste Smoothie-Bowl. Aber okay, sie sehen entspannt aus, und das zählt.

Und natürlich die Rentner-Fraktion. Die alten Herren, die in kurzen Hosen mit dicken Bäuchen ins Wasser gehen, als wäre es ihr persönlicher Pool. Keine Scheu, keine Hast. Einfach rein, zehn Minuten klatschen, raus, sich ins Handtuch wickeln und Kaffee trinken. Manchmal denke ich, dass diese Männer das Leben viel besser verstanden haben als ich.

Und dann? Dann war da noch ich.

Ich suchte mir eine Stelle, die nicht zu voll, aber auch nicht komplett abgelegen war. Irgendwo dazwischen. Ich breitete mein Handtuch aus, setzte mich drauf und sah aufs Wasser. Zwei Minuten lang. Drei. Fünf. Dann stand ich auf und begann, mich auszuziehen.

T-Shirt aus. Shorts runter. Badehose war ja schon drunter, ich bin nicht blöd. Aber dieser Moment – in dem man merkt, dass man jetzt wirklich nur noch in dieser knappen Hose dasteht – ist ein besonderer Moment. Ein Moment der Wahrheit. Ein Moment, in dem man spürt, wie viel Selbstbild noch im System ist.

Und wisst ihr was? Es ging. Es ging tatsächlich.

Ich fühlte mich nicht perfekt. Nicht wie ein Fitnessmodel. Aber ich fühlte mich okay. So okay, dass ich weitergehen konnte. So okay, dass ich Richtung Wasser lief.

Das erste Mal ins Wasser: Eine Körpergeschichte in Echtzeit

Ihr kennt das vielleicht. Wenn man lange nicht mehr im Meer war, vergisst man, wie das ist. Nicht das Schwimmen an sich. Sondern das Gefühl. Das Wasser kalt. Nicht badebeckenkalt. Sondern lebendig kalt. Kalt mit Meinung. Kalt mit Charakter.

Ich ging bis zu den Knöcheln. Stoppte. Atmete durch.

„Komm, alter Mann. Du hast schon Schlimmeres gemacht. Du hast Nachtschichten im Notrufdienst geschoben. Da war es auch kalt.“

Dann bis zu den Waden. Dieses Ziehen in den Schienbeinen. Dieses leichte Brennen der Haut, die sich an die Kälte gewöhnen muss.

„Noch ein Stück. Nicht stehenbleiben. Sonst bleibst du stehen.“

Bis zu den Knien. Jetzt fing das innere Theater richtig an. Mein Bauch zog sich zusammen. Nicht nur wegen der Kälte. Auch wegen der Anspannung. Wegen der Sichtbarkeit. Weil ich mich in diesem Moment so richtig spürte.

Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Etwas, das ich nicht erwartet hatte.

Ich merkte, dass mein Körper anders reagierte als früher. Nicht weil er plötzlich ein Athletenkörper wäre. Sondern weil er leichter war. Weil sich das Wasser anders anfühlte. Weil meine Gelenke nicht mehr diese Last tragen mussten, die sie früher getragen haben. Weil mein Atem ruhiger war. Weil mein Herz nicht sofort in Panik schlug.

Es war nicht nur ein mentaler Effekt. Es war physisch spürbar. 40 Kilo weniger sind im Wasser ein verdammt großer Unterschied. Ihr denkt, Wasser trägt sowieso alles? Ja, aber das Gefühl, wie sich der Körper im Wasser bewegt, verändert sich massiv. Man kommt schneller voran. Man muss nicht so viel Kraft aufwenden. Man fühlt sich – und das klingt komisch, ist aber wahr – etwas mehr wie ein richtiger Mensch und weniger wie jemand, der sich durch die Welt schleppt.

Ich ging weiter. Bis zur Hüfte. Dann tauchte ich die Arme ein. Atmete einmal tief durch. Und dann – bevor mein Kopf wieder loslegen konnte – ging ich rein.

Kopf unter Wasser: Der Moment, in dem alles leise wird

Das erste Mal den Kopf unter Wasser zu tauchen, ist jedes Mal ein kleiner Akt des Vertrauens. In die Lunge. In den Körper. In die Welt um einen herum.

Ich tauchte unter. Die Kälte schlug mir ins Gesicht wie eine freundschaftliche Ohrfeige. Die Geräusche veränderten sich. Plötzlich war da nur noch dieses rauschende, prasselnde, leise Brausen. Keine Möwen. Keine Kinder. Keine inneren Stimmen. Nur Wasser.

Ich kam wieder hoch. Atmete. Blinzelte. Das Salz in den Augen. Die Sonne über mir. Und irgendwo in mir ein Gedanke, der so klar war wie das Wasser selbst:

„Du hast es getan. Du bist drin. Und nichts ist passiert.“

Ich schwamm ein paar Züge Kraul. Ganz entspannt, nichts Athletisches. Meine Arme fühlten sich gut an. Meine Schultern machten mit. Mein Rücken nicht im Streik. Ich war kein Schwimmer, der für Wettkämpfe trainiert. Ich war ein Mann, der nach langer Zeit wieder spürte, wie schön es ist, sich einfach fortzubewegen.

Zwischendurch blieb ich liegen, trieb ein bisschen. Ganz klassisch. Rücken zur Sonne, Arme ausgebreitet, wie man das als Kind gemacht hat. Und ich dachte: „So. Genau so sollte sich das anfühlen. Nicht heroisch. Einfach nur richtig.“

Was mich überrascht hat (und was nicht)

Ich will euch nichts vormachen. Es gab auch Momente, die unangenehm waren. Momente, in denen der alte Kritiker wieder aufgetaucht ist.

Zum Beispiel dieser eine Moment, als ich aus dem Wasser kam und zum Handtuch lief. Ihr wisst, wie das ist. Nasser Mann in Badehose läuft über den Strand. Man fühlt sich ein bisschen entblößt. Ein bisschen sichtbarer, als einem lieb ist. Mein erster Impuls war: „Lauf nicht. Laufen sieht albern aus. Geh normal. So normal wie möglich.“

Also ging ich. Langsam. Mit der vermeintlichen Coolness eines Mannes, der genau weiß, dass er gerade alles andere als cool aussieht. Aber ich ging. Ich ließ mich nicht auf dem Sand fallen. Ich suchte nicht das Versteck.

Und dann setzte ich mich auf mein Handtuch. Und dachte: „Eigentlich war das gar nicht so schlimm. Niemand hat gestarrt. Niemand hat gelacht. Die meisten Leute sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dich überhaupt richtig wahrzunehmen.“

Das ist eine Erkenntnis, die ich in den letzten Monaten immer wieder mache: Die Welt beobachtet uns nicht so genau, wie wir glauben. Wir sind die, die uns am härtesten beobachten. Wir sind unsere eigenen strengsten Zuschauer.

Was mich überrascht hat, war, wie schnell sich das Gefühl änderte. Der erste Schritt war der schwierigste. Der zweite schon weniger. Und nach zehn Minuten im Wuer war ich nicht mehr der Mann, der sich fragte, ob er baden darf. Ich war der Mann, der badete. Punkt.

Was mich nicht überrascht hat: Die Müdigkeit danach. Salzwasser macht müde. Nicht auf eine schlaffe Weise, sondern auf eine gute, tiefe Weise. Ich lag auf dem Handtuch, die Sonne im Gesicht, die Beine noch leicht nass, und fühlte mich so erschöpft wie nach einem langen Spaziergang. Eine gute Erschöpfung. Eine, die sagt: Du hast etwas getan.

Der Strandkorb-Philosoph: Was man aus 80 Zentimeter Höhe lernt

Später mietete ich mir für eine Stunde einen Strandkorb. Weil man das in Travemünde einfach macht. Ich saß drin, hatte mein Fischbrötchen, mein Wasser, mein nasses Handtuch irgendwo neben mir drapiert – und ich schaute aufs Meer.

Aus einem Strandkorb heraus sieht die Welt irgendwie anders aus. Alles ist ein bisschen weniger dramatisch. Die Wellen kommen und gehen. Die Leute kommen und gehen. Die Sonne zieht ihre Bahn. Und man sitzt da, mit Blick auf die Fähre, die gerade aus Lübeck hereinfährt, und denkt über das Leben nach.

Ich dachte darüber nach, wie lange ich mich von Dingen habe fernhalten lassen, die mir eigentlich gefallen. Nicht nur vom Schwimmen. Auch von anderen Dingen. Von Reisen, bei denen man aktiv ist. Von Aktivitäten mit Freunden. Von kleinen Abenteuern, die kein Abenteuer zu sein scheinen, bis man sie endlich wagt.

Gewicht ist nicht nur ein Körperzustand. Gewicht ist auch ein Zustand im Kopf. Es verändert, was man tut, wie man sich bewegt, wohin man geht, was man sich zutraut. Und wenn das Gewicht dann weniger wird, fallen nicht nur die Kilos. Es fallen auch diese kleinen Mauern, die man um sich herum gebaut hat.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen esoterisch. Ist es aber nicht. Es ist ganz praktisch. Früher hätte ich an einem Ort wie Travemünde vielleicht eine Stunde am Strand gesessen, dann irgendwo gegessen und wäre wieder nach Hause gefahren. Heute bin ich ins Wasser gegangen. Ich habe geschwommen. Ich habe mich nass gemacht. Ich habe mich windgepeitscht und sonnenverwöhnt zurückgefahren.

Und das ist der Unterschied. Nicht die Zahl auf der Waage. Sondern das Leben, das dadurch wieder möglich wird.

Rückfahrt: Nasses Handtuch, trockene Erkenntnisse

Auf der Rückfahrt nach Kaltenkirchen war ich müde. So richtig müde. Meine Haut roch nach Salz und Sonne. Mein Haar war noch leicht feucht und klebte an der Stirn. Ich fuhr mit offenem Fenster, weil mir die frische Luft guttat.

Und ich grinste.

Nicht, weil ich irgendetwas Großartiges geleistet hätte. Ich bin kein Sportler, der einen Triathlon gewonnen hat. Ich bin kein Held, der eine Katastrophe verhindert hat. Ich bin ein 57-jähriger Mann, der nach langer Zeit mal wieder im Meer war.

Aber genau das war es, was mich glücklich machte. Diese kleine, alltägliche, wunderbare Normalität. Dieses Gefühl: „Das darfst du wieder. Das gehört wieder zu deinem Leben.“

Ich dachte auch an die Menschen, die vielleicht gerade an demselben Punkt stehen, an dem ich vor Monaten stand. Die wissen, dass sie etwas verändern wollen. Die vielleicht schon angefangen haben. Die aber noch Angst haben vor dem Moment, in dem sie sich zeigen – am Strand, im Schwimmbad, auf der Wanderschuhtour, wo auch immer.

An euch will ich sagen: Ihr schafft das. Nicht weil ich es sage. Sondern weil es der einzige Weg ist. Der erste Schritt ist immer der ungemütlichste. Aber er ist auch der, der alles verändert.

Fazit: Moin Leute, das Wasser ist kühl – und das Leben auch manchmal

Wenn ihr mich fragt, was ich aus meinem Tag in Travemünde mitnehme, dann ist das eigentlich ganz einfach: Ich habe gelernt, dass Veränderung nicht immer laut sein muss. Manchmal ist sie so leise wie eine Welle, die ans Uhr rollt. Manchmal ist sie so unscheinbar wie ein nasser Fußabdruck im Sand.

Ich bin nicht plötzlich ein anderer Mensch. Ich bin immer noch ich. Mit meiner Selbstironie, meinen inneren Monologen, meiner norddeutschen Art zu reden und meiner Tendenz, Dinge länger zu überdenken, als gut ist.

Aber ich bin ein Ich, das wieder ins Meer geht.

Und das ist für heute genug.

Moin Leute.

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